Schon vor Jahren, als wir immer wieder neidisch auf diejenigen waren, die mal für eine Zeit im Ausland studierten, aber wir mit unseren beiden Kleinen natürlich nicht, begann die Idee zu wachsen, dass wir "später" auch mal eine Zeit ins Ausland gehen werden. Am liebsten nach Schweden und zwar dann, wenn auch die Kinder etwas davon haben. Aber wann ist der richtige Zeitpunkt? Wenn man einen netten Job hat, mit den Kollegen, den Nachbarn und den Schulen Glück hat, warum sollte man gerade dann weggehen?
Jetzt oder nie! Irgendwann sind die Kinder zu groß, man selbst ist zu alt, um im Ausland einen Job zu finden und je länger man bleibt, umso tiefer wachsen die Wurzeln.
10 Jahre waren wir in Langen, 10 Jahre in drei Wohnungen. Davon zuletzt 6 Jahre in unserem Reihenhaus. In den 10 Jahren haben wir Menschen aus dem Kindergarten, aus den Schulen, aus der Nachbarschaft, aus Vereinen und aus der Johannesgemeinde kennengelernt und viele Freunde und auch so manches Ehrenamt gefunden.
Trotzdem: Jetzt oder nie! Egal wie viele hundert Stunden ich in den kleinen Garten hinter dem Reihenhaus gesteckt hatte, egal wie genau ich jedes Kraut kenne und wie gern ich auch im Frühjahr 2008 wieder gesehen hätte - wie alles grün wird und blüht. Jetzt!
Im Laufe der Zeit und mit der Konkretisierung der Planung beginnt sich mein schlechtes Gewissen, den Kindern gegenüber, zu regen. Nicht, weil sie eine neue Sprache lernen müssen, sondern, weil wir sie einfach umtopfen - viele Leute mit denen ich gesprochen habe und die selber Erfahrung mit Umzügen hatten, machten mir Mut, nur wenige spachen aus, dass sie uns für Rabeneltern halten...
Die Zeit der Abschiede. Jeder Verein, jedes Ehrenamt, jeder Job. Die Freunde. Insgesamt brachten wir es auf 10 Verabschiedungveranstaltungen der unterschiedlichsten Art. Von Mal zu Mal wurde es schwerer.
Aber eins ist sicher: Wenn Du mal hören willst, was gut an Dir ist, dann verlass' mal Deine alten Kreise, denn sonst sagen die Leute erst was Gutes über Dich, wenn Du tot bist.
Man sollte Leuten, die etwas gut machen, das sagen, solange sie leben.
In den letzten Wochen vor dem Umzug wurde ich immer wieder gefragt, ob ich denn schon viele Kisten gepackt habe... Das hatte ich nicht, denn wir hatten den großen Luxus, dass wir zum ersten Mal ein Umzugsunternehmen hatten. Angeblich sollten WIR gar nichts packen... In der letzten Woche packte ich trotzdem schon mal 30 Kisten und sortierte viel aus. Schmiss viel weg. Ich fand, dass ich gut vorbereitet war...
Stefan und die Kinder reisten mit den Tieren am Sonntag vor dem Umzug mit dem Auto nach Schweden. Den Kindern sollte der Anblick des leeren Hauses erspart bleiben. Lilli, unsere Katze, ahnt jetzt auch, was gespielt wird. Sie durfte schon den ganzen Tag nicht raus. Sie hasst es jetzt schon und ist übel gelaunt. Als Stefan mit den Kindern und den Tieren das Haus verlässt, sieht es nicht viel anders aus als vor einer langen Urlaubsfahrt, nur, dass nicht Taschen und Koffer, sondern Umzugskartons im Wohnzimmer rumstehen. Sie steigen ins vollbeladene Auto, winken und sind weg. Ich bin allein. Na, ganz so allein bin ich nicht. Elfi und Adam bauen noch für Benni ein Bett ab, aber moralisch alleine stehe ich vor dem fetten Drachen namens Umzug, der am nächsten Morgen einen ganzen Tag lang mit mir kämpfen wird. Aber vorher räume ich weiter. Bis zwei Uhr morgens.
Nadine hat angeboten, mich zu unterstützen und Peter will einige Schönheitsreperaturen machen, die nötig sind. Ich werde nicht alleine sein.
Das ist hier noch eine der Abschiedveranstaltungen - Ein "Abschiedslauftraining mit Torte" von Tine und Esther und die Kirschtorte ist von Christoph!
Es ist Montag. Ich wache um sechs Uhr auf - noch im Bett, noch ist es da. Ich bin allein im Haus und noch habe ich Lampen. Ich fange an, alles für die Möbelpacker vorzubereiten. Benni hatte mir empfohlen, die Jungs gut zu verpflegen, dann geht die Arbeit besser von der Hand... Im Nachhinein kann ich sagen, dass ich zwar nicht weiß, wie sie ohne Verpflegung gearbeitet hätten, aber dass sie so alle 20 Minuten für 10 Minuten Pause gemacht haben.
Um 8 Uhr wollten die Möbelpacker kommen, um 9 Uhr waren sie da. Beim Anblick der Möbel fangen sie furchtbar an zu wimmern - wie hätte man auch darauf kommen können, dass man im Rahmen eines Umzugs Möbel schleppen muss - sowas... Das Jammern schleppt sich so durch, den ganzen Tag über, besonders während der Pausen. Gegen Abend bekommen die Jungs Verstärkung, die gleich erstmal mit Pizzaessen anfängt...
Um 18 Uhr ist das Haus leer - glauben wir, denn Licht gibt's keins mehr. Nur die Flurlampen. Der Laster setzt sich endlich in Bewegung - ab nach Schweden.
Nadine hatte mich vormittags unterstützt, aber Peter war auch jetzt noch da. Wir hatten keine Stühle mehr und saßen auf der Treppe im Hausflur, aber das war ganz praktisch, denn nur hier gab es Licht, tranken ein Bier, quatschten eine Weile und dann musste auch Peter heim.
Ich bin alleine im dunklen Haus ohne Stühle, aber ein Lichtblick kommt um acht. Nadine und Christoph. Nadine mit einer Flasche Prosecco im Schlepptau. Die Damen trinken Prosecco und Chrissi muss Pizza holen - am Montag in Langen. Erst an dem Tag hatte ich gelernt, dass es in Langen montags nur beim Türken Pizza gibt - und da dauert es etwas :-/.
Wir sitzen auf meiner Isomatte und reden. Irgendwann müssen auch die beiden gehen. Boah, ist das einsam.
Ich schlafe ein. Auf der Isomatte mitten im leeren Wohnzimmer. Um vier wache ich auf. Kann nicht mehr schlafen. Um sechs gehe ich duschen - wie praktisch, die Duschen sind ja noch da.
Dienstag. Heute ist Putztag. Heute soll das Haus an die Mieter übergeben werden. Beim ersten Licht kommt zu Tage, was die Umzugsleute alles liegengelassen haben. Auhhauiha! Ich bin etwas sauer, denn ich kann den Kram im Zug nicht mitnehmen und bis uns der Erste mit dem Auto besucht, der auch noch Platz im Auto hat... Es landet einiges davon in guten Händen oder auf dem Sperrmüll.
Dann hab ich noch ein kleines Problem von ungefähr 12 Kilo. Dinge, die ich nicht verschenken oder wegwerfen wollte und jetzt mit auf meine Zugfahrt nehmen muss. Elfi hat keine Tasche - aber Eva hat eine und eine Tasse Tee - das tut gut. Und die ganzen Wochen hat mich keiner zum Heulen gebracht, aber dann konnte selbst ich mich nicht mehr zusammenreißen. Immer wenn ich jetzt Evas Tasche sehe, muss ich schmunzeln.
Ich gehe "Heim" - zum letzten Mal und warte auf die Mieter und auf Horst. Horst vertritt uns in Langen, wenn's um das Haus geht. Wir machen eine Abnahme der Wohnung und dann geht Horst und dann gehe ich, mit meinem Berg Gepäck. Die Mieter bleiben. Ich habe keinen Schlüssel mehr. Mein Garten ist auch übergeben...
Ich schleppe meinen Kram zur Bushaltestelle. Warte 20 Minuten und fahre nach Dietzenbach, zu Nadine. Nadine bringt mich später nach Frankfurt-Süd. Dort fährt mein Zug nach Kopenhagen. Es ist fast 22 Uhr. Nur noch merkwürdige Gestalten auf dem Bahnhof. Ich bin eine davon. Mit meiner (eigentlich Evas) schweren großgeblümten Tasche und meinem Rucksack. Bei Mc Doof gibt's noch einmal einen heißen Tee. Dann gehe ich rauf auf den Bahnsteig. Es ist Nacht, aber trotz der Jahreszeit nicht richtig kalt. Noch zwei weitere müde Gestalten warten mit mir auf den Nachtzug nach Kopenhagen. Man kann Sterne sehen und die Skyline von Frankfurt. Der Zug kommt. Die Fahrgäste schlafen schon. Die Damen in meinen Abteil haben sich eingeschlossen. Die Zugbegleiterin weckt die Frauen und sie müssen öffnen. Alle Decken sind verbraucht, also schlafe ich im Mantel. Super. Macht aber nichts. Irgendwann schlafe ich ein und wache in einem Bahnhof auf, schlafe wieder ein und wache im selben Bahnhof auf... Wie stehen geschlagene 90 Minuten. Der Zug kommt viel zu spät in Kopenhagen an. Mein Kaffee mit Marit und Henrik wird nix, schade. Der einzige Vorteil für mich ist, dass vage Hoffnung keimt, dass ich so spät komme, dass ich die Umzugsleute nicht mehr sehen muss und der Laster schon ausgeladen ist. Zu früh gefreut. Die Jungs arbeiten zuverlässig langsam und als mich meine Lieben in Mölndal am Bahnhof abholen, ist gerade mal die Hälfte geschafft.
Egal. Es gibt wieder Pizza, diesmal schwedische mit schwedischem Bier und dann verschwinden irgendwann die Möbelpacker aus meinem Leben. Nur einmal möchte ich sie noch sehen, nämlich, wenn sie die fast 200 leeren Pappkartons abholen!
Es waren merkwürdige Tage, die ich nicht vergessen möchte...
Noch einmal das langweilige, schlecht belichtete Bild von dem Umzugslaster im Dunkeln. Es ist mein Stellvertreter für dieses merkwürdiges Gefühl im Magen ...


Das Putzkommando besteht aus Calina, Elfi und mir. Adam ist für den Sperrmüll zuständig. Im Laufe des Tages kommen noch etliche Nachbarn vorbei um "Tschüß" zu sagen. Das ist immer wieder schwer. Gegen Mittag kommt Martina und bietet uns Suppe bei sich zu Hause an. Wir gehen alle zusammen. Eine wirklich gute Tat, denn wenn die Seele Hunger hat, ist eine Suppe in einem warmen Heim Gold wert!



Es ist ein leeres Gefühl, eine Erinnerung an totale mentale und körperliche Erschöpfung und ein wenig als würde jemand Unsichtbares die Seele greifen und versuchen, damit wegzugehen. Eine Erinnerung an Tage ohne Emotionen oder mit Emotionen in Fehlfarben.
Es war nicht schlimm, es war eben nur ein sehr, sehr merkwürdiges Gefühl und eine merkwürdige Zeit.